Meister Chow Long

Das Chow Gar Kuen das auch als Jow Ga bekannt ist, kann unter der Vielzahl der südlichen chinesischen Kampfkünste als ein relativ junges System (ca.100 Jahre) betrachtet werden. Jedoch reichen die Wurzel bis zum Shaolinkloster zurück. Dieser Stil, der sich aus 3 verschieden Systemen zusammensetzt hat viele Anhänger auf der ganzen Welt und erfreut sich heute einer großen Bekanntheit.

Die Geschichte des Chow Gar Kuen Kung-Fu ist untrennbar mit dem Begründer dieser Kampfkunst, Meister Chow Long (1890 – 1919), verbunden. Meister Chow wurde 1890 in China in der Provinz Guandong geboren. Chow Long war der 5 älteste Sohn einer 10-köpfigen Großfamilie und hatte noch vier jüngere Brüder (Chow Hip, Chow Tin und die Zwillinge Chow Biu und Chow Hoy). Bei seinem Onkel (Chow Hung) erlernte er schon früh die Techniken des Hung Gar Kuen und zeigte darüber hinaus auch sehr viel Interesse an den verschiedenen Kampfkünsten der damaligen Zeit. Nach mehreren Jahren Training unter seinem Onkel hatte der junge Chow Long das Hung Gar System gemeistert. Aber sein Wissensdurst war noch lange nicht gestillt. Durch einen glücklichen Zufall lernte er eines Tages einen alten Mann kennen, der ihn beim Training beobachtet und daraufhin angesprochen hatte. Dieser Mann stellte sich als Choy Kau Gung vor und war ein Meister des Choy Gar. Meister Choy hatte das Talent des Jungen erkannt und nahm ihn als seinen Schüler auf. Da Chow Long schon sehr gute Vorkenntnisse durch das Hung Gar Kuen erworben hatte, konnte er mit viel Fleiß und Ausdauer das Choy Gar Kuen in nur wenigen Jahren meistern.

Nach dieser Kampfkunstausbildung bei Meister Choy verschlugt es ihn - auf einigen Umwegen - nach Malaysia, wo er sein Glück zu finden hoffte. Doch in Kuala Lumpur ankommen, wurde er in eine Schlägerei verwickelt, die er nur durch die Hilfe eines einschreitenden Mönches überlebte. Dieser Geistliche stellte sich als Hong Yi vor. Während des Kampfes war Chow Long aufgefallen, dass der Mönch ein anderes, ihm unbekanntes, Kung-Fu System benutzt hatte. Dieses enthielt sehr viele Tritttechniken, sowie schnelle Stellungswechsel und Ausweichmanöver. Ohne lange zu überlegen, bat Chow Long den Mönch, ihn als Schüler aufzunehmen. Dieser jedoch nahm ihn zuerst mit in einen Tempel und beobachtete Chow Long mehrere Monate, um seinen Charakter studieren zu können. Nachdem Hong Yi ihn für würdig befunden hatte, unterwies er ihn in dem von ihm praktizierten Bei Pai Kung-Fu. Nach einer fünfjährigen Ausbildung und einer abschließenden Prüfung durch den Mönch verließ Chow Long den Tempel. Während der nächsten Wochen muss Chow Long auf Anraten von Hong Yi seinen neuen Kampfstil entwickelt haben, denn nur kurze Zeit später tauchte er in China auf und nahm an einem Kung-Fu-Turnier teil.

Diese Turniere wurden von den militärischen Führern der Provinzen mit dem Ziel veranstaltet, den besten Kung-Fu Kämpfer ausfindig zu machen. Dieser sollte dann die Soldaten der Armee in Verteidigungstechniken ausbilden. Die Turniere fanden meist auf einer ca. 2m hohen Bühne statt. Da diese Bühnen keine Treppen hatten, mussten die Kämpfer durch eigene Kraft und Geschicklichkeit nach oben gelangen. Zuvor wurde von jedem Teilnehmer eine Art "Freibrief" unterzeichnet, der den Veranstalter von jeglicher Haftung entband, denn bei diesen Turnieren ging es nur darum, zu töten oder getötet zu werden. Heute mag so etwas undenkbar erscheinen und ist verpönt, zur damaligen Zeit in China aber war es gang und gebe. Chow Long besiegte auf diesem Turnier mit seiner neuen Kampftechnik, und trotz seiner jungen Jahre, alle weitaus Erfahrenären Kung-Fu Meister und ging aus dem Turnier als Sieger hervor. So wurde er zum Chefausbilder der Provinzarmee ernannt. Sein neuer Kampfstil, eine Mischung aus Hung Gar, Choy Gar und Bei Pai Kung-Fu, hatte sich bewährt.

Um die Ausbildung der Soldaten nicht alleine bewältigen zu müssen, schickte Chow Long nach seinen jüngeren Brüdern (Chow Hip, Chow Tin, Chow Biu, Chow Hoy). Auch diese waren mittlerweile zu Kung-Fu Experten herangewachsen und halfen ihm nun bei dem Unterricht der Truppen. Vor und nach den Unterrichtsstunden verfeinerten die 5 Brüder den neuen Kampfstil. Sie nannten ihn Chow Gar Kuen - Stil der Familie Chow. Aus Respekt vor seinen Meister nannte er seinen Stil auch "Hung Tou Choy Mei", was so viel wie "Hung Gar Kuen ist der Kopf und Choy Gar Kuen ist der Körper" bedeutet. Dieses erklärt sich daraus, dass er zuerst Hung Gar und dann Choy Gar gelernt hatte. Durch gemeinsame Anstrengungen gelang es den Brüdern 1917 eine erste Kampfschule in Xinhui, der Heimatstadt Chow Long`s, zu gründen. Diese Schule bekam den Namen Chow Ren Yi Tang, übersetzt: Die erste Chow Schule. Ungläubig über das Können der jungen Chow Brüder, forderten Meister anderer Stile sie zum Kampf heraus. Es gelang jedoch keinem einen der Chow Brüder zu besiegen. Ihr Ruhm und Ansehen wuchs über die Grenzen hinaus und sie wurden bei dem chinesischen Volk als die "5 Tiger" bekannt und verehrt.

Mit 29 Jahren erreichte Chow Long den Höhepunkt seiner Arbeit, doch dann traf ihn eine grausame Wendung des Schicksals. Er starb 1919 an einer verschleppten Lungenentzündung, der er am Anfang keine Beachtung geschenkt hatte. Seine Lebensaufgabe, die Verbreitung des Chow Gar Kuen, wurde von seinen Brüdern fortgeführt, die dieses System in ganz China und Hongkong populär machten. Heute wird das Chow Gar Kuen Kung-Fu in der ganzen Welt praktiziert. Es gibt Schulen in Amerika, Australien, Vietnam, Malaysia, Singapur, Polen, Deutschland, Kanada, Frankreich und Italien.

Anmerkung:
Hung Gar Kuen - Südliches Kung-Fu System das von Meister Hung Gee Gung (Hong Xi Guan) begründet wurde. Hong Xi Guan war Schüler des Shaolin Kung-Fu Meisters Gee Sim.

Choy Gar Kuen - Südliches Kung-Fu System das von Meister Choy Gau Yee begründet wurde.

Bei Pai Kung-Fu - Nördliches Kung-Fu System das besonders für seine dynamischen Stellungswechsel und Tritttechniken bekannt ist.